{"id":167,"date":"2011-06-01T11:45:36","date_gmt":"2011-06-01T11:45:36","guid":{"rendered":"http:\/\/wanderoper.de\/?p=167"},"modified":"2015-11-11T01:19:53","modified_gmt":"2015-11-11T00:19:53","slug":"interview-in-der-berliner-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wanderoper.de\/?p=167","title":{"rendered":"Interview in der Berliner Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Am 20.04. Erschien unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.berlinonline.de\/berliner-zeitung\/berlin\/341491\/341492.php\">&#8222;Zur\u00fcck zur Wanderoper&#8220;<\/a> ein Interview mit Arnold Schrem in der Berliner Zeitung.<\/p>\n<p><strong>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Birgit Walter<\/strong><\/p>\n<p>Das Land Brandenburg hat beizeiten Tatsachen geschaffen &#8211; noch bevor bundesweit der Kampf um den Erhalt der Stadttheater begann und bevor er 2011 mit der \u00dcberschuldung der L\u00e4nder und Kommunen eine neue Dramatik erreichte. In den Neunzigerjahren entledigte sich Brandenburg bis auf ein einziges Dreispartenhaus seiner Theater und ihrer Traditionen. Heute gibt es in Potsdam, Senftenberg und Schwedt noch kleine Schauspieltruppen, in Brandenburg und Frankfurt nur noch ensemblefreie Mehrzweckbauten. Die Schlie\u00dfungen und Entlassungen &#8211; alle auf Initiative der SPD &#8211; fanden unerschrocken und unweinerlich statt. Heute nennt sich Brandenburg &#8222;Kulturland&#8220;. Mit dieser Situation setzt sich der Opernregisseur Arnold Schrem auseinander. Er will die Oper im Land neu beleben, weil er meint, dass die Brandenburger Jugend nicht ohne Zugang zu diesem Genre aufwachsen soll.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Herr Schrem, Sie wollen eine Wanderoper gr\u00fcnden. Wie kommen Sie darauf, dass es in Brandenburg einen Bedarf gibt? Brandenburg hat doch Berlin. Und Cottbus spielt noch gelegentlich Musiktheater in seinem Dreispartenhaus. An Sommer-Wochenenden gibt es zudem Oper in Rheinsberg.<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube ja, dass jedermann Oper braucht, um ein guter Mensch zu werden. Sie muss aber in erreichbarer N\u00e4he sein, sonst nutzt sie nichts. Es ist ein Trugschluss anzunehmen, dass die \u00dcberf\u00fclle in Berlin die Fl\u00e4che in Brandenburg mit versorgt. Vielleicht Menschen mit hohem Bildungshintergrund, Pfarrerst\u00f6chter und Apothekers\u00f6hne, ja, aber die Mehrheit profitiert nicht. Ich bin ja gepr\u00e4gt von Felsenstein und der Komischen Oper und \u00fcberzeugt, dass Theater etwas ist, das man zum Leben braucht. Bis sp\u00e4testens 14 Jahren, sagen Wissenschaftler, muss eine Ber\u00fchrung stattgefunden haben, sonst ist es zu sp\u00e4t, sonst bleiben die verschl\u00fcsselten Formen fremd.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr einen Opernfreund ist Berlin nicht zu weit.<\/strong><\/p>\n<p>Nicht f\u00fcr einen Opernfreund, f\u00fcr die meisten Menschen schon, f\u00fcr Sch\u00fcler zumal. Ich beobachte das doch: Bad Freienwalde hat einen ganz aktiven Gymnasiallehrer, Musiklehrer mit eigener Bigband, eigenem Chor &#8211; er hat es in vier Jahren einmal geschafft, mit seiner Klasse in die Staatsoper zu fahren. Es ist aufwendig, teuer, braucht Planung, Fahrgemeinschaften. Musikfreunden kann man sagen: Macht euch auf den Weg, nach Hamburg ins Musical ist es euch auch nicht zu weit. Aber bei Sch\u00fclern hat der Staat die Bringepflicht eines umfassenden musischen Unterrichts, die Chance der Opernbegegnung aber geht hier verloren. Es verschwinden gerade ganze Kunstformen aus dem Bewusstsein, aus der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung eines ganzen Landes, neben der Oper ja auch der Tanz. Da ist Brandenburg leider bahnbrechend in Deutschland. Es ist das einzige Land mit nur einem Dreisparten-Theater. Es hatte mal f\u00fcnf. Nein, das ist nicht typisch ostdeutsch. Selbst Mecklenburg-Vorpommern mit \u00e4hnlichen Problemen hat vier Drei-Sparten-H\u00e4user, kulturaffine L\u00e4nder wie Sachsen und Th\u00fcringen gehen anders mit ihrem Erbe um. Da gibt es noch eine fl\u00e4chendeckende Versorgung.<\/p>\n<p><strong>Brandenburg hat sich den Beinamen Kulturland gegeben. Stolz pr\u00e4sentiert es j\u00e4hrlich seinen Kalender mit Sommerfesten und Ministerpr\u00e4sident Matthias Platzeck ruft den Touristen zu: &#8222;Willkommen in Brandenburg,&#8230; tauchen Sie ein in eine Welt der Ausgelassenheit und des freudigen Miteinanders&#8220;.<\/strong><\/p>\n<p>Ja ja, Events mit Partycharakter im Sommer, die gibt es, soll es auch geben. Aber diese ganzen Kulturfeste sind doch, salopp gesagt, von Brandenburg finanzierte Vergn\u00fcgungen f\u00fcr Berlin-Touristen. Aber wenn die Schule nach dem Sommer weitergeht, ist alles vorbei. Am Ende ist das Brandenburger Steuergeld in solche Projekte geflossen. Zu oft geht es um Veranstaltungen f\u00fcr Touristen oder den Glanz eines Ortes, nicht f\u00fcr die Region. Auch die Kammeroper Rheinsberg sucht f\u00fcr ihre Sommer-Vorstellungen S\u00e4nger aus ganz Europa, als seien sie besser als die Berliner und Brandenburger. Die f\u00fcnf Dreisparten-Theater, die Brandenburg fr\u00fcher hatte, waren zwar arm, aber nicht leer, und die Schulen haben sie angenommen. Es gab also auch ein Bed\u00fcrfnis. Die Dinge ver\u00e4ndern sich, klar, und angesichts des Bev\u00f6lkerungsr\u00fcckgangs und der Finanznot wird es kein neues Stadttheater geben. Es braucht also neue Strukturen. So kam ich auf die Wanderoper, eigentlich die Urform allen Theaters. Ich will das \u00dcberangebot an K\u00fcnstlern in Berlin verbinden mit der k\u00fcnstlerischen Unterversorgung in Brandenburg, will also mit Absolventen der Hochschulen und arbeitsuchenden K\u00fcnstlern arbeiten.<\/p>\n<p><strong>Auf fehlendes Interesse von K\u00fcnstlern werden Sie nicht sto\u00dfen &#8211; von j\u00e4hrlich 2000 Absolventen deutscher Musikschulhochschulen haben etwa 150 Aussicht auf Anstellung an einem Orchester. Dennoch klingt Ihr Projekt nach einem neuen Billiglohnangebot.<\/strong><\/p>\n<p>Klar, man kann das auch Ausbeutung nennen, feste Engagements wird es nicht geben, die Projekte m\u00fcssen ja finanzierbar bleiben. Aber besser als keine Arbeit ist es allemal &#8211; und eine Chance: Die S\u00e4nger bekommen Pr\u00e4sentationsm\u00f6glichkeiten. \u00dcberdies kann es die Praxisn\u00e4he von Hochschulen bef\u00f6rdern. Viele Berufsanf\u00e4nger haben ihre Fachpartien nie in G\u00e4nze gesungen. Sie hatten meist auch keine Begegnung mit Musical, m\u00fcssen aber am Stadttheater von &#8222;Carmen&#8220; bis &#8222;Cabaret&#8220; alles beherrschen. Ich stelle mir zwei Projekte vor &#8211; die Wanderoper in Brandenburg und eine zugeh\u00f6rige Werkstatt in Berlin, in der die St\u00fccke entstehen. Hier sind die meisten Arbeitslosen und bessere F\u00f6rderm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p><strong>So wie sich die Brandenburger Politik der letzten zwei Jahrzehnte bei der Vernichtung kultureller Strukturen pr\u00e4sentiert hat, m\u00fcsste sie f\u00fcr Ihre Ideen, die Auswege aus einem Dilemma bieten, dankbar sein.<\/strong><\/p>\n<p>Sie ahnen, dass das nicht so ist. Kultur ist zu wenig im Bewusstsein unserer Landespolitiker verhaftet. Im Leitantrag des letzten SPD-Landesparteitags kommt Kultur nicht mal als Wort vor, stelle ich als SPD-Mitglied besch\u00e4mt fest. Und Geld ist nat\u00fcrlich knapp. Leider wachsen die Verh\u00e4ltnisse unserem Projekt ja eigentlich zu. Denn es braucht eine neue Struktur. Deshalb hoffe ich, dass die Landesregierung noch mal Anlauf nimmt und das Projekt f\u00f6rdert &#8211; es geht doch um ihre Bev\u00f6lkerung. Und ganz ohne \u00f6ffentliche F\u00f6rderung ist so ein Projekt selbst mit Sponsoren nicht zu schaffen.<\/p>\n<p><strong>Berlin leistet sich gl\u00fccklicherweise noch die gro\u00dfe Kultur, aber die Finanzierung der gewaltigen Apparate ist umstritten: Drei Opern verbrauchen j\u00e4hrlich 120 Millionen Euro, ein Drittel des Berliner Kulturetats. An die freie Theaterszene gehen nur 5 Millionen. Nach K\u00f6nigswegen wird nicht gesucht.<\/strong><\/p>\n<p>Na gut, die Oper braucht den gro\u00dfen Auftritt und den Apparat. Aber immer noch h\u00f6rt man von Verschwendungsorgien. Und im Dezember bin ich in der Deutschen Oper mal mittendrin nach Hause geschickt worden, weil das Orchester strikte. Also das fand ich besch\u00e4mend, das Gef\u00fcge stimmt nicht mehr, nicht das zwischen Freien und festen Ensembles, auch an den H\u00e4usern selbst nicht, wo Gesangssolisten schlechter gestellt sind als Choristen oder Sekret\u00e4rinnen. Aber das ist wieder ein anderes Thema.<\/p>\n<p><strong>Was wollen Sie spielen? Oper lebt ja auch von Glamour, gern von Klang- und B\u00fchnenf\u00fclle, gerade, wenn sie Einsteiger begeistern soll.<\/strong><\/p>\n<p>Oper muss gar nicht opulent sein. Nur gut &#8211; lebensnah, ergreifend, nicht zu artifiziell und fremdartig. Wen wollen Sie denn nach &#8222;Avatar&#8220; noch \u00fcberw\u00e4ltigen? Oper muss mit der Erlebniswelt der Zuschauer zu tun haben. Wir suchen neue Formen und unkonventionelle Pr\u00e4sentationen, da kann Papageno schon mal Akkordeon spielen und das Orchester den Chor singen. Wir beginnen mit &#8222;H\u00e4nsel und Gretel&#8220; und der &#8222;Zauberfl\u00f6te&#8220;, mir schweben auch Konzerte und Ballett vor &#8211; es ist so eine Art musikalischer Grundversorgung.<\/p>\n<p>Berliner Zeitung, 20.04.2011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 20.04. Erschien unter dem Titel &#8222;Zur\u00fcck zur Wanderoper&#8220; ein Interview mit Arnold Schrem in der Berliner Zeitung. 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